Unsere Leser fragen, Frau Dr. Kopp - Duller
antwortet

Der Klassenlehrer hat gesagt, mein Kind könnte legsthenisch sein.
Er selbst scheint über dieses Problem auch nicht genau informiert zu sein. Was soll ich
tun ?
Antwort:
Ob ein Kind eine Legasthenie hat, kann nur durch einen Spezialisten festgestellt
werden. Da Legasthenie nur ein Überbegriff für eine differenzierte Wahrnehmung ist, die
in verschiedenen Teilleistungsgebieten ihre Ursache hat, muss ihr Kind, sollte sich die
Vermutung des Klassenlehrers bewahrheiten, in diesen speziellen Bereichen intensiv und
individuell geschult werden.
Mein Kind ist ständig unkonzentriert. Seine Lehrerin hat mich deshalb
schon mehrmals in die Schule geholt. Nachdem er auch sehr viel Fehler beim Schreiben und
sogar beim Abschreiben macht, habe ich die Vermutung, das er eine Legasthenie haben
könnte. Was kann ich tun ?
Antwort:
Legasthene Kinder werden fälschlich oft als unkonzentriert bezeichnet. Tatsächlich
gelingt es ihnen nicht immer ihre Aufmerksamkeit auf Tätigkeiten zu richten, die mit
Schreiben und Lesen zusammenhängen. Andererseits sind sie bei einer Sache wie Legospiele
mit einer Ausdauer und Hingabe bei der Sache, die beim Erwachsenen Erstaunen auslösen
kann. Das Kind dann global als unkonzentriert zu bezeichnen, ist wohl nicht angebracht.
Buchstaben und manch-mal auch Zahlen bringen den legasthen Menschen in eine gewisse
Verwirrung, sie können ihre Gedanken nicht mehr auf das lenken, was sie gerade machen. Es
kommt zu eigenartigen Fehlererscheinungen, sogar beim Abschreiben. Sie sollten so schnell
wie möglich durch einen Spezialisten feststellen lassen, ob ihr Kind legasthen ist.
Sollte sich ihr Verdacht bestätigen, müßten sie ihrem Kind eine spezielle Förderung
angedeihen lassen.
Mein Kind wollte sich schon umbringen, weil es immer als
"Klassentodel" hingestellt wird. Die Lehrerin nimmt nicht zur Kenntnis, dass
mein Sohn ein Legastheniker ist. Obwohl ich im Besitz eines Befundes diesbezüglich bin.
Die ganze Familie leidet unter diesem Zustand, ich weiß mir keinen Rat mehr.
Antwort:
Leider muß ich ihnen mitteilen, dass es zur Zeit in Österreich keine gesetzliche
Grundlage gibt, wonach legasthene Kinder eine differenzierte Beurteilung, die sie dringend
brauchen würden, bekommen könnten.
So ist es leider jedem Lehrer individuell überlassen, wie er zum Thema Legasthenie steht
und wieviel er über dieses Phänomen weiß. Natürlich hätte jeder Lehrer die
Möglichkeit, auch ohne Schulgesetz ein legasthenes Kind mehr nach seinen mündlichen
Leistungen zu beurteilen, doch scheuen viele Lehrer davor zurück.
Es würde mich interessieren, ob der Legasthenietest, der in der
Volksschulen oftmals mit ganzen Klassen gemacht wird, tatsächlich eine sichere Methode
ist, legasthenische Kinder herauszufinden. Ich unterrichte in einer 2. Klasse und hätte
durch eine zusätzliche Stunde die Möglichkeit einige Kinder zu fördern.
Antwort:
Der Test den Sie ansprechen ist ungefähr zwanzig Jahre alt und überholt. Heute weiß
man, dass eine Legasthenie durch Schriftproben alleine nicht dignostiziert werden kann.
Das Legastheniephänomen ist leider viel komplexer und komplizierter. Soll ein legasthenes
Kind wirkungsvoll gefördert werden, so ist durch einen Fachmann festzustellen, welche
Teilleistungsbereiche die jeweilige Legasthenie eines Kindes verursachen. Das Wort
Legasthenie ist nur als Überberiff zu sehen, gemeint sind damit Erscheinungsformen, die
sich im Lese-, Schreib- und Rechenbereich bemerkbar machen können. Probleme in allen drei
Bereichen fußen aber in den gleichen individuell verschiedenen Teilleistungsbereichen.
Weiß man also nicht genau welche Probleme die individuelle Legasthenie eine Kindes
ausmachen, so wird keine gezielte Förderung stattfinden können. Auch ein
Gruppenunterricht ist für legasthene Kinder unbedingt abzulehnen, da diese Kinder eine
individuell auf ihre Probleme abgestimmte Förderung brauchen.
Als ich in meinen Bekanntenkreis erzählte, dass mein Sohn
Legastheniker ist, hörte ich nicht nur einmal sinngemäß :" Doch nicht der Thomas,
der ist doch so ein schlaues Bürschchen!" Offensichtlich wird von vielen Leuten
Legasthenie mit Dummheit verwechselt, nun traue ich mich gar nicht mehr, diesen Umstand an
die große Glocke zu hängen, da ich fürchte mein Sohn könnte als Idiot abgestempelt
werden.
Antwort:
Sie haben recht, viele Leute, die sich mit dieser Sache nicht beschäftigen, glauben
Legasthenie hat etwas mit verminderter Intelligenz zu tun. Legasthene Menschen haben nun
einmal das Pech, das sich ihre differenzierte Wahrnehmung ausschließlich durch ihre
Fehler bemerkbar macht. Ein Laie ist da schnell mit dem Urteil bei der Hand, dass ein
Mensch, der die Kulturtechniken nicht richtig beherrscht, eher als unintelligent anzusehen
ist. Gute Leistungen in den Kulturtechniken werden von unserer Gesellschaft als Zeichen
für ausreichende Intelligenz gewertet und diesem Irrtum sitzen sogar die meisten
Pädagogen auf. Trotzdem sollten sie aber unvermindert versuchen, andere Leute über die
Legasthenie aufzuklären. Je häufiger die Information fließt, um so schneller wird man
auch in Österreich richtig mit diesem Begriff umgehen können. In den Vereinigten Staaten
gilt heute ein legasthener Mensch als besonders begabt, da man erkannt hat, dass
legasthene Menschen Dinge leisten können, die einen nichtlegasthenen nicht möglich sind
zu tun. Denkt man nur daran, das legasthene Menschen imstande sind mehrere Gedanken
gleichzeitig zu fassen und auch durchzuführen.
Mit meinem Sohn, 8 Jahre, war ich vor nicht allzu langer Zeit beim
Schulpsychologen. Wir wurden von seiner Lehrerin dort hin geschickt, weil Markus große
Probleme beim Schreiben und beim Lesen hat und in der Schule ständig den Unterricht
stört. Rechnen kann er allerdings ausgezeichnet und auch sonst ist er sehr umsichtig und
weiß alles.
Leider war für mich der Besuch beim Schulpsychologen sehr unbefriedigend, da mir
lediglich gesagt wurde, dass mein Sohn wahrscheinlich Legasthenie hat und mir Bücher
empfohlen wurden, die Übungen enthalten, welche ich mit meinem Sohn machen sollte.
Nun habe ich zufällig die Zeitung Austrian Legasthenie News in die Hand bekommen und sehe
nun, dass die Problematik einer Legasthenie viel weitreichender ist, als dass man sie mit
einigen Übungen verbessern könnte. Wie kann ich nun meinen Sohn wirklich helfen, seine
Leistungen im Lesen und Schreiben zu verbessern?
Antwort:
Jeder Mensch, der von einer Legasthenie betroffen ist, hat seine eigene individuelle
Legasthenie. Deshalb gibt es auch kein Patentrezept diese zu überwinden. Es muß also
zuerst abgeklärt werden, ob ihr Sohn tatsächlich legasthen ist. Dies kann nur durch
einen ausführlichen Test, den ein Spezialist durchführt, festgestellt werden.
Anschließend können spezielle und individuelle Fördermaßnahmen, in die auch die
Klassenlehrerin einbezogen werden kann, eingeleitet werden.
Mein Sohn ist schon 14 Jahre alt. Nun hat man mir gesagt,
dass es bei ihm bereits zu spät sei, etwas gegen seine Legasthenie zu tun. Es ist zwar
schon in der Volksschule davon gesprochen worden, dass mein Sohn ein Legastheniker ist,
doch Hilfe bekam ich von niemandem.
Antwort:
Selbstverständlich ist es auch bei einem Menschen von 14 Jahren noch möglich, dass man
ihm zu hilft, seine Legasthenie in den Griff zu bekommen. Man muss das Training auf seine
besonderen Bedürfnisse abzielen.
Meine Frau leidet heute noch unter ihrer Legasthenie und hat auch
deshalb oft Depressionen. Verstärkt haben sich diese als es bei ihrer Arbeitsstelle
herauskam, dass sie eine ehemalige Sonderschülerin ist. Seitdem wird sie von ihren
Arbeitskollegen nicht mehr ernst genommen. Ich versuche immer sie aufzuheitern, indem ich
ihr vor Augen halte, was für tolle Begabungen sie hat. Zu Beispiel beim Organisieren von
Tätigkeiten ist sie wirklich sehr gut. Sie glaubt aber, dass sie dumm ist und läßt sich
davon nicht abbringen. Nun meine Frage : Wie kann ich ihr helfen ?
Antwort:
Sie sollten dafür sorgen, dass eine emotional unbeteiligte Person ihrer Frau das
Legastheniephänomen erklärt. Sie wird dann ihre eigene Persönlichkeit besser und
leichter verstehen lernen. Leider ist in Österreich auch die Öffentlichkeit über dieses
Problem viel zu wenig aufgeklärt und viele Personen werden völlig falsch eingeschätzt.
Der legasthene Mensch hat das Problem, durch die Fehler die er macht von Leuten die es
eben nicht besser wissen, völlig zu unrecht, als Dummian abgetan zu werden.
Die Lehrerin meines legasthenen Sohnes sagte zu mir, dass das Theater,
das um die Legasthenie gemacht wird, sowieso nur eine Modeerscheinung ist und das es ihr
nicht möglich ist, in der Klasse auf ihn einzugehen. Gibt es vom Gesetz her keine
Maßnahmen, die ich treffen könnte ?
Antwort:
So traurig das für uns Österreicher ist, weil wir uns in dieser Hinsicht weit hinter
dem europäischen Standard befinden, muss ich ihnen leider mitteilen, dass wir in
Österreich keine Möglichkeit haben, vom Gesetz her etwas für unsere legasthenen Kinder
zu tun. Jedes Kind, das von diesem Problem betroffen ist, ist mehr oder weniger vom
Verständnis der jeweiligen Lehrperson und von deren Wissen um dieses Phänomen abhängig.
Modeerscheinung ist die Legasthenie keine, den man forscht bereits seit mehr als hundert
Jahren auf diesem Gebiet, eine britische Vereinigung, die sich speziell um diese Menschen
kümmert, wurde 1896 gegründet. Nur in Österreich ist man aus dem Dornröschenschlaf
teilweise noch immer nicht erwacht, dies zeigen so unqualifizierte Aussagen, von Personen,
die sich eigentlich dazu berufen fühlen müßten, sich auch auf diesem Gebiet schlau zu
machen und wenigsten diese Kinder verstehen müßten, wenn sie ihnen schon nicht helfen
können.
Mein Sohn ist nun schon 12 Jahre alt, seit einem Jahr trainiere ich mit
ihm nach Ihrer Anleitung. Die Fortschritte sind enorm. Sein Deutschlehrer wundert sich
darüber, wie so ein Wandel möglich ist. Trotzdem hadere ich noch immer mit dem Gedanken,
dass meinem Sohn so viel Frustration erspart geblieben wäre, wenn man seine Legasthenie
früher erkannt hätte. Obwohl ich schon in der zweiten Klasse beim Schulpsychologen war,
da die Lese- und Schreibleistungen nicht entsprechend waren, wurde mir lediglich geraten,
genauer mit ihm zu lesen und mehr zu üben, alles andere würde sich von selbst geben. Wie
ist es möglich, dass nicht einmal ein Schulpsychologe, der sich doch ausschließlich mit
Problemkindern befaßt, eine Legasthenie erkennen kann ?
Antwort:
Die Legasthenie ist nur ein Gebiet von vielen, mit dem sich die Schulpsychologie zu
beschäftigen hätte. Es ist aber ein sehr komplexes und kompliziertes Fachgebiet. Das
hieße, dass eine sehr genaue Auseinandersetzung mit diesem Gebiet stattfinden müßte.
Die Fortschritte Ihres Sohnes freuen mich sehr und Sie sollten nicht länger mit der
Vergangenheit hadern. Sie sollten sich nur ständig darüber im Klaren sein, dass ein
legasthenes Kind, im Gegensatz zu anderen Kindern, wesentlich mehr, im Bereich des Lesens
und Schreibens, arbeiten muß, um zum gleichen Ziel zu kommen.
Als Schulleiterin werde ich nun immer öfters damit konfrontiert, dass
Eltern von Legasthenikern verlangen, dass in der Schule mehr auf die Probleme ihrer Kinder
eingegangen wird. Tatsächlich fühlen wir Lehrer uns aber damit etwas überfordert, weil
wir wenig bis keine Ahnung haben, wie wir diesen Kindern weiterhelfen können. Meine Frage
nun an Sie, wie kann ich diesen Kindern helfen ?
Antwort:
Auch legasthene Kinder sollten aus unserem Schulsystem einen Nutzen ziehen.
Tatsächlich ist der Schulunterricht in unseren Schulen, für diese Kinder, als nicht
adäquat anzusehen. Die Schuld generell auf die Lehrer zu schieben wäre nun falsch.
Ansetzen müßte man in der Ausbildung der Lehrer und zwar in einem wesentlich höheren
Maß, als es bisher der Fall ist. Es ist beschämend, wie sich Verantwortliche des
Ausbildungsbereiches, aus der Affäre ziehen und öffentlich kundtun, dass die Legasthenie
nur eine Modeerscheinung ist, also tun, als wäre dieses Thema überhaupt nicht präsent.
Nicht zuletzt wird diese Ignoranz auf den Rücken der Lehrer und betroffenen Kinder
ausgetragen, denn laut Statistik sitzen auch in Österreich in jeder Schulklasse 2 bis 3
legasthene Schüler.
Diese Tatsache läßt sich einfach nicht weg leugnen.
Verständnis des Lehrers um die besondere Wahrnehmung dieser Kinder und damit verbundenen
Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und/oder Rechnen, ist zwar sehr wichtig, aber auch
allgemeine Unterrichtsideen. Tatsache ist aber, dass man von einem Lehrer, der ja zwanzig
oder mehr Kinder zu betreuen hat, nicht abverlangen kann, ausreichend auf die Bedürfnisse
legasthener Kinder einzugehen, er müßte über ein ausreichendes Wissen der Thematik
verfügen und seinen Unterricht völlig ändern. Erstrebenswert wären
Legastheniespezialisten, die unterstützend dem Klassenlehrer zur Seite stehen müßten.
Erstrebenswert wären auch sogenannte Legasthenieklassen, die es in vielen Ländern gibt.
Denn eines weiß man genau, legasthene Kinder erlernen auch das Lesen, Schreiben und
Rechnen, nur auf eine andere Art und Weise und wesentlich langsamer als nichtlegasthene
Kinder.
Beim meinem Sohn wurde eine Legasthenie festgestellt. Nun ist es mir
leider aus finanziellen Gründen nicht möglich mir eine Hilfe zu kaufen. Was kann ich
tun?
Antwort:
Mehr als zweitausend Unterschriften ignoriert !
Der Kärntner Landesverband Legasthenie versucht seit nunmehr zwei Jahren bei der
zuständigen Stelle in der Landesregierung, Sozialreferat, eine Hilfe für bedürftige
legasthene Kinder zu bekommen. Mehr als zweitausend Unterschriften wurden gesammelt und
Frau Landesrat Achatz von der SPÖ übergeben. Leider wartet der Landesverband bis heute
auf eine Antwort. Anscheinend sind für diese zuständige Stelle die Probleme jedes
zehnten Kindes in Kärnten nicht wichtig genug.
Ein Pseudounterricht in Form von Deutschnachhilfe, wie es von einem Verein, welcher der
Landesregierung nahe steht, angeboten wird, den die Eltern auch bezahlt bekommen, ist
keine ausreichende Förderung für ein legasthenes Kind!
Der Kärntner Landesverband Legasthenie ist ein gemeinnütziger Verband, der keinerlei
öffentliche Förderungen erhält. Trotzdem konnte aus Spendengeldern schon vielen, bei
weitem aber nicht allen Kindern geholfen werden.
Mit der Kärntner Krone wird derzeit eine Aktion für zwanzig Kinder durchgeführt, die
für ein Jahr ein gezieltes Legasthenietraining erhalten.
Bitte wenden Sie sich an den KLL für zukünftige Aktionen.
Mein Sohn hat im Feber dieses Jahres ein dreißigstündiges
Legasthenietraining nach der Davismethode absolviert. Ich möchte mich auf diesem Wege bei
Frau Dr. Kopp- Duller für ihren Einsatz recht herzlich bedanken. Für mein Kind hat ein
neues Leben begonnen, er kann nun ohne Kopfschmerzen zu bekommen lesen, sein
Selbstwertgefühl wurde so gestärkt, dass alle Mißerfolge, die er in seinen zehn
Schuljahren hinnehmen mußte, wie weggeblasen erscheinen. Er verschlingt ein Buch um das
andere, da es ihm nun möglich ist auch den Inhalt des Gelesenen zu erfassen. Die Lehrer
in der Schule bestätigen mir, er ist wie ausgewechselt. Es tut mir sehr leid, dass ich
Sie nicht zehn Jahre vorher getroffen habe.