Legasthenie
- Dyskalkulie !?
Astrid Kopp-Duller
Livia Pailer-Duller
Vorwort
Vor mehr als zehn Jahren ist das Buch mit dem Titel „Der legasthene Mensch“ erschienen, das grundsätzlich einen Gesamtüberblick zur Problematik gegeben hat, dass es Menschen gibt, die das Schreiben, Lesen oder Rechnen aus verschiedenen Gründen nicht mit den üblichen Schulmethoden erlernen können. Das Werk, welches tausendfach, in unzähligen Ländern, weltweite Verbreitung gefunden hat, trug maßgeblich zum besseren Verständnis der Probleme jener Menschen, die Schwierigkeiten beim Schreiben, Lesen oder Rechnen haben, bei.
Der Schwerpunkt im vorliegenden Werk liegt in der Beschreibung der Förderung auf pädagogisch-didaktischer Ebene durch eine bewährte Methode, die das Ergebnis langjähriger, pädagogischer Forschungen ist. Auch die, manchmal zuwenig beachtete, noch immer unterschätzte, vorrangige Bedeutsamkeit der pädagogisch-didaktischen Förderung bei Schreib-, Lese- oder Rechenschwierigkeiten durch Spezialisten der pädagogischen Ebene wird klar und logisch dargestellt.
Die Beschreibung eines sehr wichtigen Wandlungsprozesses, der sich in den letzten Jahren abzuzeichnen begann und immer mehr voranschreitet, bildet einen weiteren Schwerpunkt: Nämlich das Umdenken in unserer Gesellschaft, dass man weder schwach, gestört, krank oder gar behindert ist, nur weil man Probleme hat, das Schreiben, Lesen und Rechnen mit den üblichen Schulmethoden zu erlernen und meist einfach nur weitere Methoden benötigt, um auch auf diesen Gebieten das Geforderte leisten zu können. Es wird logisch erläutert und dargestellt, dass unbedingt und vorrangig immer zuerst Feststellungen und Hilfestellungen auf pädagogisch-didaktischer Ebene erfolgen. Erst, wenn die Notwendigkeit erkannt wurde, müssen andere Spezialisten hinzugezogen werden.
Ärzte waren es tatsächlich, die als erste herausfinden wollten, warum es einige Menschen gibt, die Probleme beim Schreiben und Lesen haben. Was die Problematik zwar nicht automatisch zur Krankheit macht, würde man doch vernünftiger Weise denken. Dennoch ist die damals beginnende Pathologisierung und die damit verbundene Fehlinterpretation, Kinder, die Schreib- und Leseprobleme haben, wären krank, bis heute zu spüren. Von Ärzten wurde wohl aus Ermangelung pädagogischer Kenntnisse nie eingeräumt, dass Schreib- oder Leseschwierigkeiten auch lediglich mangels der richtigen pädagogischen Methodik entstehen können. Auch noch vor zehn Jahren hinterfragte kaum jemand, warum man im Falle des erschwerten Erlernens des Schreibens und Lesens eigentlich zu einem Arzt oder Psychologen geschickt wurde und nicht zum Pädagogen, was wohl wesentlich naheliegender wäre. Es hatte sich eingebürgert, Menschen, die Schreib-, Lese- oder Rechenprobleme haben, als krankhaft zu betrachten. Lehrer zeigten sich teilweise hilflos und Psychologen und Ärzte versuchten ihre Kunst, meist wenig erfolgreich.
Was man aber zu oft vergaß oder zu wenig klar vor Augen hatte war die Tatsache, dass keine Therapie, durchgeführt von einem Gesundheitsberuf, ein gezieltes, individuelles Training im Schreib-, Lese- und Rechenbereich durch den Pädagogen ersetzen kann!
Zum Glück hat sich im neuen Jahrtausend die Logik durchgesetzt und es ist den Menschen bewusst geworden, dass ein weitgehend anhaltender Erfolg nur dann erzielt werden kann, wenn einem Menschen, der Schreib-, Lese- und Rechenprobleme hat, auch in diesen Bereichen gezielt auf seine Bedürfnisse abgestimmt durch Spezialisten im pädagogisch-didaktischen Bereich geholfen wird. Es gibt heute unzählige Pädagogen, die über weit reichende Kenntnisse verfügen und diesen besonderen Menschen an der Basis helfen können. Das war vor zehn Jahren noch nicht der Fall. Heute traut man vielen Lehrern zu, sich auf diesem Gebiet gut auszukennen, um gezielte Hilfe leisten zu können.
Doch kehren wir kurz in die Vergangenheit zurück, dorthin, wo das Unheil für legasthene Menschen begann. Nicht immer hat man sich daran gestoßen oder es als Problem empfunden, dass es Menschen gibt, die anders mit dem Schreiben und Lesen umgehen. Auch wäre niemand auf die Idee gekommen, diese Menschen deswegen als krank zu bezeichnen, insbesondere auch deshalb nicht, weil diese Menschen oft durch andere, herausragende Fähigkeiten auffielen.
Menschen schrieben einfach und es war völlig „normal“, dass man Wörter unterschiedlich schrieb, aber das Gleiche meinte. Wichtig war nur, dass der Leser den Inhalt auch verstand. Tatsächlich hatten in früheren Jahrhunderten wenige Menschen die Möglichkeit, das Schreiben und Lesen überhaupt zu erlernen. Erst Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) begründete in Großösterreich das Volksschulwesen. Ihr Ziel war, es auch dem einfachen Volk zu ermöglichen, das Schreiben, Lesen und Rechnen zu erlernen. Dies war damals die hauptsächliche Aufgabe der Schulen. Durch das Aufstellen von Rechtschreibregeln für die deutsche Sprache durch Bartholomä Herder (1774–1839) - er gründete 1801 die Verlagsbuchhandlung unter anderem mit dem Schwerpunkt „Nachschlagewerke“ - und Konrad Alexander Friedrich Duden (1829-1911) - er brachte 1880 ein „Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ heraus - wurde auffällig, dass es Menschen gab, die nicht imstande waren, diese Regeln genau einzuhalten.
Die ersten Erforscher des Phänomens der Legasthenie waren, wie schon eingangs erwähnt, Mediziner am Ende des 19. Jahrhunderts. In Folge dessen wurde lange Zeit und tatsächlich noch bis heute von einer Krankheit gesprochen. Auch die Weltgesundheitsorganisation definiert Legasthenie bedauerlicher Weise bis heute als Krankheit. Legasthenie und Dyskalkulie sind keine Krankheiten, Behinderungen, Störungen oder Schwächen. Betroffene finden, um es nochmals ganz deutlich zu machen, lediglich mit den üblichen, in den Schulen angebotenen Methoden, das Schreiben, Lesen und Rechnen zu erlernen, nicht das Auslangen und benötigen speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Methoden.
Später befassten sich Psychologen und Soziologen ebenfalls mit dem Thema, was zu einer weiteren Belebung der Legastheniepathologisierung führte. Der relevanten Rolle der Pädagogen und der pädagogisch-didaktischen Förderung für Menschen, die in den so genannten Kulturtechniken Probleme haben, wird aber, um es nochmals zu betonen, in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung beigemessen, wohl auch auf Grund der logischen Schlussfolgerung, dass legasthene oder dyskalkule Menschen nur durch pädagogisch-didaktische Förderung und nicht durch Therapien das Schreiben, Lesen und Rechnen erlernen können.
Tatsächlich benötigen legasthene Menschen lediglich individuelle, über das generelle Angebot der Schule hinausgehende Methoden, damit sie das Schreiben, Lesen und Rechnen erlernen können. Man schätzt, dass heute 15% der Weltbevölkerung davon betroffen sind.
Die vorrangige Förderung sollte bei einer Legasthenie/Dyskalkulie definitiv in den pädagogisch-didaktischen Bereich fallen, weil nur ein Pädagoge grundsätzlich dazu ausgebildet ist, Menschen das Schreiben, Lesen und Rechnen zu lehren, auch denen, die besondere Anforderungen in diesem Bereich haben.
Die pädagogische Forschung entwickelt und optimiert deshalb Testverfahren und Methoden, welche den besonderen Anforderungen legasthener Menschen entsprechen. Diese Menschen generell als schwach, gestört, krank oder gar behindert zu bezeichnen ist wohl sehr kühn. Doch hat dies wohl auch für Ärzte und Psychologen einen tieferen Sinn, denn sie können nur bei Krankheitsbildern zum Einsatz kommen. Auch die Formulierung der WHO (World Health Organization) im ICD-10 (International Classification of Diseases) ist wohl so zu sehen. Mit dieser sicherten sich die Gesundheitsberufe lediglich das Vorrecht auf eine Therapie, welches sie verständlicher Weise auch behalten wollen. Die Notwendigkeit der pädagogischen Intervention bei Legasthenie oder Dyskalkulie findet keine Erwähnung!
Es wäre mehr als wünschenswert, dass man im ICD-11, der dem ICD-10 im Jahre 2011 nachfolgen soll, sich der nicht ausreichenden Beschreibung bewusst wird und entsprechend darauf reagiert und man zu einer intelligenteren Definition der Problematik kommt. Es kann ja wohl nicht sein, dass bei der Beschreibung des Umstandes, dass es Menschen gibt, die beim Erlernen des Schreibens-, Lesens-, oder Rechnens Schwierigkeiten haben - einer Problematik, die, je nach Ausprägung in verschiedene Interventionsebenen fällt - der Berufsstand, der grundlegend dafür verantwortlich ist, dass Menschen das Schreiben, Lesen und Rechnen erlernen, in der Reihe der Interventionsebenen fehlt.
Von der Weltgesundheitsorganisation müsste unbedingt auf den Umstand hingewiesen werden, dass es Schreib-, Lese- oder Rechenprobleme gibt, wie die Primärlegasthenie und die Primärdyskalkulie, die nicht pathologisch bedingt sind und ausschließlich in den pädagogisch-didaktischen Feststellungs- und Interventionsbereich hinein fallen, ansonsten auch die neue Definition als unvollständig und dadurch als wertlos zu sehen sein wird.
Es wäre auch dringend notwendig, dass alle beteiligten Berufsgruppen, ungeachtet ihrer vorrangigen Interessen, den Betroffenen den nötigen Respekt entgegenbringen, die nötige Hilfestellung ermöglichen und darauf achten, dass Kompetenzfragen nicht auf dem Rücken dieser ausgetragen werden, denn es geht schließlich um Menschen.
Grund für die intensive Forschung auf pädagogischer Ebene sind die noch immer üblichen Verfahren der Gesundheitsberufe, Intelligenztests und Lese-Rechtschreibtests, die laut ihrer Auffassung eine Legasthenie feststellen sollen. Zwei Werkzeuge der Psychologen, die nur leider nicht das feststellen, was festgestellt werden soll, nämlich eine Legasthenie oder Dyskalkulie. Zu viele Fehldiagnosen sind damit schon passiert und passieren noch immer. Diverse IQ-Tests stellen mittels Überprüfung der Sinneswahrnehmungen die Intelligenz fest. Deshalb sind auch die Ergebnisse nicht verlässlich, weil bei einer Legasthenie aus neurobiologischen Gründen die Sinneswahrnehmungen different ausgebildet sind, was aber wiederum mit der tatsächlich vorhandenen Intelligenz nicht in Zusammenhang steht. Dann wären da noch die viel gepriesenen Lese-Rechtschreibtests, auch ein beliebtes Handwerkszeug der Psychologen, eine Legasthenie festzustellen. Nur leider wenig aussagekräftig bei legasthenen Kindern, weil die Leistungen im Schreib- und Lesebereich nicht konstant schlecht sind, wie bei Kindern, die eine erworbene Lese- Rechtschreibschwäche haben, sondern von der Tagesverfassung abhängen, was sich mit unzähligen Beispielen belegen lässt. Legasthene Kinder können mitunter bei guter Tagesverfassung einen LRS-Test verblüffend gut absolvieren.
Das AFS-Testverfahren und die AFS-Methode werden bereits als Meilensteine der pädagogischen Forschung beschrieben und liefern einen wesentlichen Beitrag dazu, Betroffene auf pädagogisch-didaktischer Ebene individuell zu unterstützen und tragen maßgeblich dazu bei, dass auch legasthene und dyskalkule Menschen das Schreiben, Lesen und Rechnen erlernen. Die im vorliegenden Buch präsentierten Forschungsergebnisse einer Langzeitstudie über die AFS-Methode, bieten einen umfassenden Einblick in ihre Wirkungsweise.
Es ist sehr entwürdigend für legasthene oder dyskalkule Menschen, wenn sie immer wieder von unwissenden Mitmenschen als eigenartig oder schlimmer, als dumm hingestellt werden.
Es wäre mehr als wünschenswert, dass sich dieser moderne neu beschrittene Weg, das Erkennen der Notwendigkeit und der Bedeutsamkeit der pädagogisch-didaktischen Hilfe bei Schreib-, Lese- und Rechenproblemen durch speziell dafür ausgebildete Pädagogen weiter fortsetzt und man es als vorrangig ansieht, dass Betroffenen stets in erster Linie auf dieser Ebene geholfen werden muss, weil man so das Problem an der Wurzel anpackt und der Erfolg nur damit beginnen kann.
Dr. Astrid Kopp-Duller
Mag. Livia Pailer-Duller
im April
2008
Buch "Legasthenie - Dyskalkulie"
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