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Legastheniker - heissen so die dummen Kinder reicher Eltern ?

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Der rotgrüne Kasperl greift ein

Notzeiten

Erfolgserlebnisse

Musgeflippt mit zehn Jahren

Ingemar Stenmark ist der Größte - Tinas Rückfall

Es begann eigentlich schon im letzten Sommer in den Ferien am Attersee. Tinas Figur bekam kleine Rundungen, die zumindest im Bikini nicht mehr zu übersehen waren. Obwohl sie noch voller Begeisterung mit den Nachbarmädchen Barbie-Puppen spielte, überraschte sie mich plötzlich mit dem Wunsch, eine Tanzparty zu geben. Sie sollte zum Abschied ihrer Freundin Nana, die aus Bonn zu Besuch bei uns war, stattfinden. Meine Zustimmung kaum abwartend, begannen die beiden voller Eifer das Kinderzimmer unserer Ferienwohnung zu dekorieren. Die Lampen wurden mit rotem Krepp-Papier verhängt, denn, so meinte Nana, bei rotem Licht sei man viel enthemmter. Ich will hoffen, sie stellte sich darunter etwas ganz anderes als ich vor. Vor die Tür kam ein Fransenvorhang, der bei einer Nachbarin vor der Speisekammer gehangen hatte, um die Fliegen abzuhalten. Alle Ecken des Zimmers wurden mit Bergen von Pölstern ausgelegt - kurzum es sah bald aus wie in einem französischen Provinzbordell. Natürlich weiß ich ja auch nur aus Filmen wie es dort aussieht. An Tonbändern wurde zusammengetragen, was möglichst Rock-ig, Pop-ig, Beatl-ig und sonst lautstark war.

Vom frühen Nachmittag an stand ich in der Küche und bereitete Berge von Sandwiches vor, während in der Badewanne leise plätschernd große Mengen von Coca Cola vor sich hinkühlten.

Dann war es soweit: aus näherer und auch fernerer Nachbarschaft strömten die Teens herbei, festlich angetan mit ihren schönsten Jeans, worunter sie zumeist die mit den meisten Flicken verstanden. Die Buben mit verwegen geknoteten Tüchern um den Hals.

Leider ließ sich die Party nicht ganz wie geplant an, denn zum Unterschied von den Mädchen waren die 12-14 jährigen jungen Herren wesentlich mehr an Speis und Trank als an Tanz und Damen interessiert. Einige zogen sich unter Hintanlassung von riesigen Kahlstellen auf den Sandwichplatten auch relativ bald wieder zurück. Da aber die Mädchen fanden, sie könnten auch alleine tanzen und einige Partylöwen als Aufputz übriggeblieben waren, kam das Fest doch noch in Schwung.

Irgendwie mußte ich das Geschehen unter Kontrolle halten und da mir aus meiner Jugend die Überwachung von Müttern auf Parties in gräßlicher Erinnerung war, versuchte ich mein sporadisches Auftauchen durch das

Servieren von Schocklade und anderen Naschereien zu versüßen. Auf diese Weise brauchte ich fast den ganzen Vorrat auf, der bis zum Ende des Sommers reichen sollte. Um 1/2 10 Uhr schickte ich alle anderen Kinder nach Hause und meine ins Bett. Mit dem Aufseufzer, daß dieser Abend ,,Spitze" gewesen sei, schliefen sie müdegetobt sofort ein.

Im September nach Wien zurückgekehrt, merkte ich erst an den viel zu kurz gewordenen Röcken, daß Tina auch gewaltig gewachsen war. Sie stand oft vor dem Spiegel und betrachtete sich, bürstete stundenlang ihre Haare, war abwechselnd mal grundlos traurig, mal kicherte und lachte sie und wußte nicht warum, es war nicht mehr zu übersehen: Tina war in die Pubertät gekommen.

Sie fand auch, daß ihr Vater nicht mehr der schönste Mann der Welt sei, was ich geradezu empörend fand, sondern wandte sich unerklärlicherweise dem Tormann der österreichischen Nationalmannschaft Friedl Koncilia zu. Jeden Zeitungsausschnitt über ihn hängte sie an die Pin-Wand über ihrem Bett. Wir verfaßten einen Brief, in dem wir ihn um ein möglichst großes Poster von sich mit Autogramm baten. Prompt bekamen wir auch Antwort in Form eines postkartengroßen Fotos, das ihn markig, verführerisch lächelnd zeigte und auch seine eigenhändige Unterschrift trug.

Jeden Abend vor dem Einschlafen legte Tina nun Herm Koncilia neben sich auf's Kopfpolster. Zu ihrer moralischen Ehrenrettung muß gesagt werden, daß sie dazu nicht das markig-verführerische Foto verwendete, sondern einen Zeitungsausschnitt, wo er milde lächelnd - bring your family - neben seiner Frau sitzend, seine beiden Kinder auf den Knien hält.

Als aber der Winter ins Land zog und die Berichte über Fußball immer spärlicher kamen, wurde Tina untreu und wandte sich dem Ski-Ass Ingemar Stenmark zu, der von nun an in allen verwegenen Verrenkungen des Rechts- und Linksschwunges über ihre Pin-Wand raste. Auf unsere patriotischen Vorhaltungen, sich doch ein österreichisches Idol auszusuchen, entgegnete sie, den Klammer würden schon alle in ihrer Klasse verehren - die anderen gefielen ihr nicht so gut - und den Ingemar hätte sie wenigstend hier zu Lande für sich ganz alleine.

Sie begann das BRAVO zu lesen, jene Zeitschrift, die alle Eltern in Angst und Schrecken versetzt, die doch offensichtlich all das bespricht, was junge Leute in diesem Alter brennend interessiert und wofür alle Eltern ihre Kinder noch zu jung halten. Lange Zeit lag der lebensgroße Unterleib von Elvis Presley in ihrem Zimmer herum. Man konnte dieses prächtige Riesenposter aus 20 BRAVO-Folgen zusammensetzen. Da Tina aber auf halber Strecke die Lust dazu verließ, blieb der Herr für immer ohne Oberkörper. Fast ohne Unterbrechung tönte Beatmusik auf Lautstärke lo aus ihrem Zimmer, die sie selbst beim Schulaufgaben machen nicht abdrehte.

Ihr Verhältnis der Schule gegenüber war neutral. Sie lernte nicht mit großer Begeisterung, aber sie tat's. Sie machte die Aufgaben, die verlangt wurden, aber nicht viel mehr. Die Noten, die sie nach Hause brachte, waren aber gut und wir waren zufrieden. Dann kam die erste Deutschschularbeit und mit ihr das erste Nichtgenügend. Da waren Rechtschreibfehler, Fallfehler und Daß-Fehler, es waren Sätze nicht zu Ende geschrieben - es war wirklich eine schlechte Arbeit - und ein Schock für uns alle. Nur Ruhe bewahren ! Nicht gleich in Panik verfallen! Was war schon eine einzige Arbeit?! Die nächste Ansage war aber auch negativ und ebenso die darauffolgende Schularbeit. Tina wurde immer stiller; wenn sie aus der Schule kam, warf sie ihre Schultasche in eine Ecke und zog sich sofort in ihr Zimmer zurück.

Nachts wollte sie nur mehr bei Licht in ihrem Zimmer schlafen, weil sie Angstträume hatte und tagelang vor der nächsten Arbeit hörte ich sie nachts durchs Haus wandern oder sie lange klagende Gespräche mit Gulla, ihrem Goldhamster, führen. Morgens war sie dann schrecklich unausgeschlafen, mürrisch und wollte nicht in die Schule gehen.

Da es so nicht weitergehen konnte, machte ich mich auf, mit Dr. Kriegel ihrer Deutschprofessorin, zu sprechen. Sie war der Ansicht, daß Tina unter einem seelischen Druck stehen müßte, unter einem Leistungszwang, dem sie nicht standhalten könne - wie wäre auch sonst der plötzliche Rückfall zu erklären ? Sie riet uns, einen psychologischen Test machen zu lassen und auch ihr die Ergebnisse mitzuteilen.

Wir vereinbarten einen Termin mit Dr. Kriechbaum, einer erfahrenen Kinderpsychologin. Tina machte gerne mit - denn ebenso wie beim Fotografen ihr Gesicht - machte es ihr Spaß einmal ihre Seele darzustellen. Zwei Stunden lang zeichnete und plauderte sie, erzählte zu Bildern und machte Leistungsproben.

Wenige Tage später, als sie mit der Ausarbeitung fertig war, rief Dr. Kriechbaum uns Eltern zu sich und erzählte uns über Tinas Probleme. Daß sie voller unverarbeiteter Ängste sei, durch ihr Versagen unsere Liebe zu verlieren, sie voll Agressionen stecke, weil wir Leistungen von ihr erwarteten, die sie nicht erbringen konnte, Agressionen, die sie nicht wagte zu zeigen, weil sie ein gutes Kind sein wollte. Daß bei legasthenischen Kindern der Zweifel an der eigenen Persönlichkeit, den in der Pubertät alle jungen Leute haben, oftmals mit einem Rückfall in die Rechtschreibschwäche verbunden sei, denn dies sei ja gerade der Punkt, wo sie sich am unsichersten fühlten. Sie sprach von den Qualen eines so intelligenten Kindes, sich immer da als Versager zu sehen, wo es die größten Anstrengungen mache. Sie tröstete uns damit, daß fast immer bei entsprechender Behandlung mit Abschluß der Pubertät die Legasthenie weitgehend verschwände.

Die Psychologin riet uns, besonders liebevoll auf Tina einzugehen, ihr dabei zu helfen eine eigenständige Persönlichkeit zu werden, sie nicht unter Leistungsdruck zu setzen, ihr zu Erfolgserlebnissen zu verhelfen, wieder eine gute Nachhilfe für Tina zu nehmen und Trotzanfällen gelassen zu begegnen.

Anschließend sprach sie noch einmal eine Stunde lang mit Tina über ihre Probleme und da alle Psychologen eher auf der Seite der Kinder kämpfen, gab sie ihr vielleicht den Rat, nicht alles hinunterzuschlucken und mit ihren Eltern nicht so schonungsvoll umzugehen. Waldtraud Kriechbaum bestreitet dies auf heftigste. Sie sieht sich nur in der Vermittlerrolle zwischen den beiden Fronten, wobei sie auch dieses Wort nicht gerne hört. Sicher ist, daß in den meisten Fällen die selbstgerechten Eltern weniger des Beistandes bedürfen als ihre verunsicherten Kinder. Tina jedenfalls ließ sich kein Sterbenswörtchen über diese Unterredung entlocken, außer daß es "sehr nett" gewesen sei.

Ulrich und ich schliefen schlecht in dieser Nacht. Immer wieder besprachen wir bestürzt die Tatsache, daß eines unserer Kinder so in seelische Not geraten war, ohne daß wir es bemerkt hatten. Es war ein harter Schlag für uns, die wir so stolz darauf waren, besonders aufgeschlossene und verständnisvolle Eltern zu sein. Also versprachen wir uns zu bessern und konzentrierten uns ganz auf Tina und ihre Sorgen.

Dann, ein paar Tage später, passierte es zum erstenmal. Als ihr Vater abends in Tinas Zimmer ging und sie bat, mit dem Lesen aufzuhören, packte sie ihr Buch und warf es ihm unter lauten Beschimpfungen über die Unfreiheit in diesem Hause quer durchs ganze Zimmer nach. Und so ging es weiter. Weil sie ihr Rührei nicht fest genug gebraten fand, schleuderte sie mir den Teller über den Tisch vor die Nase und verließ das Zimmer mit der Bemerkung, daß man hier nicht einmal etwas Ordentliches zu essen bekäme und sie lieber hungern würde. Als ich wenig später, nun schon etwas verschüchtert, bemerkte, während sie am Klavier saß, daß hier ein fis statt einem f gehöre und dieser Ansicht seinerzeit auch Mozart gewesen sei, drosch sie den Klavierdeckel mitsamt dem Notenbuch zu, so daß Mozart's zarte Wiener Sonatinen" mit einer schrillen Dissonanz in die Tasten fielen.

Aus dem Nebenzimmer hörte ich eine Diskussion mit ihrer Großmutter, die auf ihrem Schreibtisch herumgekramt hatte. Dabei fielen Worte, die verdächtig nach ,,dumme alte Kuh" klangen. Jedenfalls verließ meine Mutter fluchtartig das Haus und war tagelang bitterbös ,auf mich, da ich so sichtlich außerstande war, meinen Kindern gute Sitten beizubringen.

Alles in allem, Tina benahm sich wie ein kleiner Teufel. Immer endeten aber ihre Wutausbrüche mit einem verzweifelten Tränenausbruch und es dauerte immer eine geraume Weile und brauchte viel liebevollen Zuspruchs bis man sie getröstet hatte.

Eines Tages, als sie wieder aus einem nichtigen Grund zu toben begonnen hatte und unter Türgeknalle das Zimmer verlassen hatte, kam sie nach einer Viertelstunde freundlich lächelnd zurück, vor sich ein großes Tablett mit Teekanne, drei Teetassen und kleinen Brötchen, bestrichen mit Papis Lieblingsmarmelade. Sie setzte sich zu uns und meinte, es sei tea-time und sie hätte heute den Tee für uns alle zubereitet.

Von nun gings bergauf!

 

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NACHWORT

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Ausgeflippt mit zehn Jahren