|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| "Vollständige
Erstveröffentlichung einer wahren Familiengeschichte. Nehmen Sie sich doch
die Zeit diese aufregende Geschichte zu lesen, vielleicht hilft Sie Ihnen
ihr eigenes Leben besser zu verstehen."
Mario
Engel
Jolanda
Poppovic Legastheniker - heissen so die dummen Kinder reicher Eltern ? Wer
hat mien Fschngskrpfn gsn ? Mein lieber vatter ich wels gewis vieh Oh nein, dies ist nicht, wie man glauben könnte, wieder eine der Stilblüten meiner Kinder ! Das stammt aus einem Brief von Wolfgang Amadeus Mozart an seinen Vater. Wie ich so nachdachte über die übergroße Wichtigkeit der Rechtschreibung und ob das immer schon so gewesen wäre, fand ich in einer alten Ausgabe der Briefe Mozart's die abenteuerlichsten Rechtschreibfehler: Groß- und Kleinschreibung hielt er ganz nach Belieben. Da fand ich auf einer Seite das Wort Mann einmal Man und das andere Mal mann geschrieben, auch er erzehlte, er gieng des weegs, es war ihm angebohren, er tratt in ein hauß ein,. er schreibt einmal förchten und fürchten, mal vatter, dann wieder Vater. Da ist keine Seite im Buch, die nicht voller Fehler wäre. Ich weiß nicht ob Mozart ein Legastheniker war, aber unsterbliche Werke der Musik im Kindesalter geschrieben, hin oder her, in der Schule meiner Kinder hättest Du nicht ,,reüssiert" lieber Wolferl. Nun waren damals Musiker Personen niederen Standes. Aber einmal auf der Fährte, suchte mir Yoli im Staatsarchiv Briefe von Kaiser Franz 1., von dessen freizügiger Rechtschreibung ich schon gehört hatte, an Maria Theresia, seiner Frau: "Durchleuchtigste Großmächtigste Königin, Gnädigste Frau und Hertzgeliebteste Gemahlin" schrieb er mit seiner schönen verschnörkelten Schrift. In den Briefen fand ich Wörter, wie biß zur Überzaal, waß er unternohmen, fürr und ohnmittelbahrer und vieles andere mehr. Man kann doch nicht leugnen, daß dieser Herr eine gute Bildung genossen hatte und seine leitende Position auf's Beste und zur Zufriedenheit des Volkes ausfüllte. Sein Sohn Josef der II., wohl aus Aufsässigkeit gegen den Vater, führte in Österreich dann die Rechtschreibregeln ein und damit begann das ganze Dilemma. Ich bin sicher, auch in anderen Ländern kamen Herren auf diese glorreiche Idee und die Einschränkungen verschärften sich immer mehr. Peter Ustinov schreibt so schön in seinen Memoiren über einen seiner Vorfahren: "weil Orthografie nicht seine starke Seite war, allerdings befindet er sich damit in guter Gesellschaft, ein so großartiger Schriftsteller wie Shakespeare konnte sich auch nie schlüssig werden, wie er seinen Namen schreiben sollte. Der in unseren Schulen unternommene Versuch, eine rigorose Rechtschreibung einzuführen, ist nichts anderes als das Bemühen, eine lebendige Sprache mit Leichenstarre zu infizieren und ein lyrisches Ausdrucksmittel auf die Eiseskälte einer künftigen Welt der Computer vorzubereiten." Wie spricht er mir aus der geplagten Seele. Aber was nützt das alles. Tina war im letzten Jahr vorm Gymnasium und ihre Deutschnote reichte nicht für die Qualifikation. Vor einigen Jahren wurde bei uns die Aufnahmeprüfung für die höheren Schulen aufgehoben, danach war jedoch der Andrang so groß und nicht zu bewältigen, daß man sich zu einem heimlichen Numerus Clausus entschloß, der ein sehr gut oder gut in den Fächern Deutsch und Mathematik verlangte. Erreichte man dies nicht, konnte man in dem zweifelhaften Fach eine freiwillige Eignungsprüfung verlangen, die aber bei einem legasthenischen Kind mit der verbundenen Aufregung einem Todesurteil gleichkam. Tina schrieb reizende Aufsätze. Diese waren voll Phantasie, aber immer stand unter ihren Arbeiten: Sehr nett erzählt, aber so viele Fehler! Immer wieder wurde Tina gesagt, sie sei nun schon groß genug, fragwürdige Wörter zu überprüfen. Aber für einen Legastheniker ist jedes Wort fragwürdig. Die Speicherschwäche für Wortbilder scheint mir das allergrößte Problem zu sein. Wir schreiben ein Wort aus der Erinnerung und konstruieren es nicht jedesmal. Für einen Legastheniker ist aber jedes Wort von neuem eine Hürde. Ein einfacher Satz wie: ,,Der heiße Sommer war vorüber, bald mußte sie in die Stadt zurück", ist voller Fallen. Der Satzanfang: Großschreiben. heiße: heise? heisse? Heiße! - groß, weil mit Artikel ! Sommer: Somer? Sohmer? Sommer! - ach Artikel gehört hierher - Heiße ausbessern ! vorüber: forüber ? vorüber! bald: balt ? Nein kommt von baldiges, daher bald. Mußte: muste ? nein? von müssen. Stadt: Statt? Staat? Statd? Zurück: zurüg? Hilfe! kommt von rücken und daher zurück! Gewonnen!!! Das ist nun ein bißchen übertrieben, aber wer hat schon Zeit bei einer Schularbeit von einer Stunde, die er doch zum Schreiben verwenden muß? So nahte die Weihnachtszeit und bald darauf würde es Semesterzeugnisse geben, mit denen man zur Anmeldung ins Gymnasium gehen mußte. Es nahte die Weihnachtszeit, die Zeit der geheimnisvollen Vorbereitungen und der Zubereitung der köstlichen Weihnachtsbäckerei. Schon, wenn die Kinder aus der Schule kamen, an der Küche vorbeigingen und den feinen, süßen, würzigen Geruch schnupperten, fielen sie in Begeisterung. Da stand Ernestine, die Perle, inmitten von geschnittenen Mandeln, kandierten Kirschen, gehackter Schocklade und geriebenen Nüssen und rührte und rollte, drehte und knetete. Das Allerschönste aber war für Tina und Adi, wenn sie mithelfen durften. Da werkten sie dann mit vor Aufregung geröteten Gesichtern, die Arme bis zum Ellbogen mit Mehl bestäubt, das Gesicht von einem Ohr zum anderen mit Schockolade beschmiert. Als an einem dieser Tage Frl. Oppitz kam, war Tina nur mit Gewalt aus der Küche zu bringen, aber es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Am nächsten Tag sollte die letzte Deutscharbeit vor dem Zeugnis sein. Um Tina ein wenig zu trösten, wählte Frl. Oppitz als Thema des Übungsaufsatzes: Ich helfe beim Backen der Weihnachtskekse. Der gütige Zufall wollte es, Tina bekam dasselbe Thema in der Schule. Da sie der Stoff sosehr beschäftigt hatte und sie bereits alle Klippen der Rechtschreibung einmal erfolgreich umschifft hatte, flossen so schwierige Wörter wie Spekulatius, Schockoladenußstangerl und Ischlerkrapferln fehlerfrei aus ihrer Feder. Das strahende sehr gut auf diese Arbeit rettete den Notendurchschnitt und die Qualifikation war geschafft. So versüßten uns Emestines Köstlichkeiten im doppelten Sinne die Weihnachtstage. Bald danach hatte Tina Geburtstag und durfte aus diesem Anlaß ein großes Kinderfest geben. Yoli organisierte Spiele aller Art und die Kinder unterhielten sich glänzend. Man spielte auch das Spiel: "die große Reise" Ein Kind beginnt :"Ich reise nach Amerika und nehme einen Hut mit", das nächste: "Ich reise ...und nehme einen Hut und eine Jacke mit", das nächste nimmt einen "Hut, eine Jacke und einen Schirm mit" und immer so weiter. Es war mir immer schon aufgefallen, daß Tina sonst ein sehr gutes Gedächtnis hatte, aber diesmal war es nicht zu übersehen. Zusammen mit Nachbars Paul, einem Buben, der so schwerer Legastheniker war, daß er bereits eine Klasse wiederholt hatte, und dessen eine Gesichtshälfte manchmal nach einem neuerlichen Mißerfolg tagelang nervös zuckte, lizitierte sie sich in schwindelerregende Höhen. Längst waren alle anderen Kinder auf der Strecke geblieben, als Tina bei bereits 54 Gegenständen einen Bikinioberteil vergaß und Paul als Sieger geehrt wurde. Nachdenklich sprach ich mit Ursula, Pauls Mutter. Wenn die beiden sich so viele Dinge hintereinander merken konnten, müßten sie doch eigentlich gute Schachspieler werden. Wir brachten Tina das Spiel bei und bald schlug sie alle Familienmitglieder. Wir sind keine Meister, aber selbst Opa, der ein hervorragender Spieler war, lieferte sie verbitterte Schlachten. Paul ging die Sache gründlich an. Er kaufte sich ein Schachlehrbuch und vertiefte sich ernsthaft darin. Schon im ersten Jahr wurde er Schulmeister seiner Schule, heute spielt er bereits bei großen Jugendturnieren in der Stadthalle und zeigt mir stolz seine Urkunden und Trophäen. Könnte es sein, daß, wie Blinde ihren Tastsinn immer mehr verfeinern, Legastheniker das Fehlen der Erinnerungsvermögens für das Schriftbild auf anderen Gebieten kompensieren können?
Die Bekränzung des Burgenlandes oder das Wunder des Gymnasiums |