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| "Vollständige
Erstveröffentlichung einer wahren Familiengeschichte. Nehmen Sie sich doch
die Zeit diese aufregende Geschichte zu lesen, vielleicht hilft Sie Ihnen
ihr eigenes Leben besser zu verstehen."
Mario
Engel
Jolanda
Poppovic Legastheniker - heissen so die dummen Kinder reicher Eltern ? Wer
hat mien Fschngskrpfn gsn ? Lesen konnte Adi jetzt. Aber wie stand es sonst um die Erfolge in der Schule ? Natürlich stellte sich sehr bald auch beim Schreiben seine Legasthenie heraus. Die Hexe Ene-Bene-Mene trieb auch mit ihm ihre bösen Scherze, die wir nur zu gut schon von Tina kannten. Und die Schrift ! Die Schrift! Wenn ich nicht wirklich neben ihm gesessen hätte, auch ich hätte geglaubt, er wäre nur flüchtig, schnell und schlampig und hätte geschmiert. Doch, mit vor Anstrengung blassem Gesicht und schweißnassen Händchen hielt er die Feder und malte seine Buchstaben ins Heft, eckig und zackig, mal nach rechts und mal nach links hängend, mal weit über der Zeile fliegend, dann wie ein dicker Bauch unter der Zeile hängend. Wie oft kam die Arbeit durchgestrichen zurück. SCHLAMPIG! stand darunter DU BEMÜHST DICH NICHT! Noch mal schreiben! Er war Linkshänder wie Yoli auch. Aber diese hatte nie Schwierigkeiten mit dem Schreiben gehabt und ein anderer in Adis Klasse schrieb links schön wie ein Stadtschreiber. Erst viel später, als ich mich noch mehr über Legasthenie informierte, erfuhr ich, daß diese oft eine motorische Störung mit sich bringt, der Weg vom Gehirn zur Hand ist schadhaft, daher haben die Kinder so große Schwierigkeiten mit dem Schönschreiben, so entsteht die von Fachleuten sofort erkannte typische Legasthenikerschrift, und was da so unordentlich und flüchtig aussieht, ist in Wirklichkeit das Resultat harter Arbeit und großem Konzentrationswillen. Doch schon damals erkannte ich, daß hier kein Anlaß für Strafen gegeben war und half Adi bei den Wiederholungen so gut ich konnte. Ich schrieb ihm zum Beispiel eine Zeile vor, er mußte die nächste schreiben und sich bemühen, damit die Lehrerin nichts merkte. Oder wir machten das Spiel Wort um Wort. Ein Wort er, eines ich. So versuchte ich ihm spielerisch seine vielen Extraarbeiten zu erleichtern. Sehr bald fand ich heraus, daß eine der segensreichsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts der Löschstift war, von den Kindern "Tintentod" genannt, mit dem ich eine geradezu virtuose Fertigkeit erreichte. Aber es war nicht nur das Lesen, das Schreiben, die Schrift allein, es waren auch das Rechnen und alle anderen Fächer, in denen Adi Schwierigkeiten hatte. Er traute sich nicht zu, das Einmaleins zu lernen, er jammerte und weinte, weil er immer wieder alles vergaß - es war einfach nicht zu übersehen, dieses von uns so innig geliebte Kind, war offensichtlich ein dummes. Seine Lehrerin, die ihn gerne mochte, sie liebte ihn wie eine Mutter ihr schwachsinniges Kind, hatte Zweifel ob er überhaupt die Volksschule ohne Wiederholungen schaffen würde. Ulrich, meinen Mann, traf diese Erkenntnis besonders hart. Gerade mit S½hnen, und hier war es der einzige, identifizieren sich Väter am meisten. Es war ein schwerer Schlag für ihn, daß an eine akademische Laufbahn gar nicht zu denken war. Wir überlegten sehr ernsthaft, wie wir dafür sorgen sollten, Adis Zukunft zu sichern. Wir dachten daran, später unsere Ersparnisse zusammenzulegen und ihm eine Tankstelle zu kaufen. Ich tröstete mich damit, daß er sicher mit einem flotten Käppi auf seinem blonden Lockenkopf sehr hübsch aussehen würde. Die Idee scheiterte daran, daß Adi sie gar nicht reizvoll fand und er nicht den ganzen Tag an einer Zapfsäule stehen wollte. Später ventilierten wir den Gedanken, ihn in eine renomierte Autowerkstätte als Lehrling zu geben, da er schon von klein auf ein großes technisches Interesse hatte und noch bevor er richtig sprechen konnte, alle einschlägigen Automarken unterscheiden konnte. Aber für diesen Vorschlag war er nur zu haben, wenn er sofort dorthin könne und gar nicht mehr zur Schule zu gehen brauchte. Im übrigen sollten wir ihn in Ruhe lassen, denn er wolle, wie sein Vater ein ,,Bestimmer" werden, ein Ausdruck den meine Kinder für einen Herrn in leitender Position gefunden hatten. Zu enttäuscht waren sie gewesen, als sie hörten ihr Vater sei Direktor geworden, daß es sich aber um einen Fabriksdirektor und nicht um einen Zirkusdirektor handelte. Irgendwo habe ich einmal gehört, daß dumme Legastheniker viel weniger darunter leiden, da sie besser in ihr ganzes Persönlichkeitsbild paßt. Es war ein schwacher Trost für mich statt eines neurotischen Intelligenzlers einen fröhlichen Dummkopf als Sohn zu haben. Muß ich beschreiben, wie Adis Zeugnis aussah ? Wir warfen es in eine Mappe und packten unsere Koffer, um in unsere Ferienwohnung an den Attersee zu übersiedeln und möglichst lange nichts mehr von der Schule zu hören. Da wir wollten, daß Adi wenigstens privat zu Erfolgserlebnissen kommen sollte, hatten wir ihm zum Geburtstag einen alten Optimisten geschenkt. Es handelt sich in diesem Fall nicht um einen fröhlichen älteren Herren, sondern um ein gebrauchtes Kindersegelboot, nicht größer als ein Waschtrog mit einem lustigen Taschentuch als Segel. Ein Boot, das aber sehr gute Segeleigenschaften hat und international als Kinderregattaboot gesegelt wird. Unser lokaler Sportverein organisierte auch einen ,,Optimistenkurs" und für diesen hatten wir Adi angemeldet. Nur sehr zögernd ging er hin und wir versprachen ihm, wenn es ihm am ersten Tag nicht gefalle, so dürfe er zu Hause bleiben. Als er am zweiten Tag bereits um 9 Uhr morgens in voller Segelausrüstung - Jeans, Pullover, Ölzeughose und -jacke, Gummistiefel und Schwimmweste - wartend vor der Wohnungstür stand, der Kurs begann erst um 10 Uhr, es war ein heißer Tag und sicher würde nur in der Badehose gesegelt werden, da wußten wir, daß wir gewonnen hatten. Der Kurs wurde von Manfred, einem jungen Lehrer, und Thomas, einem Sportstudenten, geleitet, die den Kindern mit viel Spaß das Segeln beibrachten. Ihnen zur Seite stand die reizende Kathi, sich selbst als die "Klotante" bezeichnend, die für das leibliche Wohl der Kinder sorgte, daß nasse Kleider gewechselt wurden, daß die Schwimmwesten ordnungsgemäß geschlossen waren und alle Träger wieder an die Stellen geknöpft wurden, die dafür vorgesehen waren. Am letzten Tag des Kurses gab es eine Abschlußregatta. Zu unserer Schande muß ich gestehen, daß uns Manfred mehrmals darauf aufmerksam gemacht hatte, daß das Segel des ,,Fliegenden Hosenknopfes", so hatte Adi sein Boot getauft, in einem sehr schlechten Zustand wäre, ,,ausgeblasen", wie es in der Seglersprache heißt. Wir waren aber der Meinung, für den Anfang würde es schon reichen und so kam was kommen mußte, Adi ging weit abgeschlagen als Letzter durch die Ziellinie. Ich stand mit meinem Fernglas am Ufer und konnte es nur verschwommen sehen, weil mir die Tränen in den Augen standen. Adi selbst verzog keine Miene und schien mit seinem Trostpreis - einer riesigen aufgeblasenen Banane - recht zufrieden, oder war er schon so hart im Nehmen geworden? Das gewünschte Erfolgserlebnis war es jedoch gewiß nicht gewesen. Und dann verhalf uns ein gütiges Schicksal doch noch dazu. Adi ging mit seiner Schwester Yoli und Boy, dem Hund, am Waldrand spazieren als er Brandgeruch bemerkte und sah, daß aus der Motorhaube einer dort abgestellten Planierraupe Flammen schlugen. Schnell liefen die Drei zurück und alarmierten die Feuerwehr. Der Freiwillige Feuerwehrsverein i.V. Weyregg am Attersee, der 2 Jahre keine Ausfahrt zu verzeichnen hatte und, weil es Samstagnachmittag war, gemeinsam am Stammtisch saß, eilte auch sofort mit einem großen Löschzug herbei und machte Vorkehrungen eine Schlauchleitung an den See anzuschließen. Bei näherer Betrachtung war der Brand allerdings von einem Mann mit einem Handfeuerlöscher zu löschen. Nun, man soll die Sache jedoch nicht bagatellisieren, der Kabelbrand hatte sich schon ganz nahe an den vollen Treibstofftank durchgefressen, der Bagger stand am Waldrand und es hatte, auch so was gibts im Salzkammergut, mehrere Wochen nicht geregnet. Adi war der Held des Tages. Am nächsten Tag aber kam ein Brief der Baufirma: "Sehr geehrter Herr Poppovic, durch ihren raschen und tatkräftigen Einsatz konnte bei meinem Bagger H 7 ein großer Schaden vermieden werden.Für diese Hilfe danke ich Ihnen hiermit auf das herzlichste und verbleibe hochachtungsvoll" Dem Brief lagen 100 Schilling bei. Das war eine Menge Geld für einen so kleinen Buben. Adi wurde von all seinen Freunden sehr bewundert. Noch mehr aber wurde der ,,Hirschfänger" bestaunt, den er sich um das Geld kaufte, ein Messer mit (beinahe) echtem Hirschhorngriffl das er nun auf Jägerart in einer Hülle seitlich an seiner Lederhose trug. Mein lieber vatter ich wels gewis vieh Die Bekränzung des Burgenlandes oder das Wunder des Gymnasiums |