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Legastheniker - heissen so die dummen Kinder reicher Eltern ?

Die Bargpang

Der nächste Herbst kam und nun begann auch für Tina der Ernst des Lebens. Im Rechnen war Tina von Anfang eine der Besten und das blieb bis heute so. Schon im Vorschulalter hatte sie uns durch ihre Fähigkeit analytisch zu denken, erstaunt. Mit 7 oder 8 Jahren, als wir ihrer Schwester Yoli, die bereits auf dem Gymnasium war, die Aufgabe stellten, 1/16 und 2/32 zusammenzuziehen, meinte Tina mit piepsiger Stimme: ,,das ist ein Stück von einer Torte, die in 8 Teile geschnitten ist"

Lesen ging etwas stockend. Da sie aber sehr wißbegierig war und viel las, hatte sie bald die nötige Übung darin.

Als dann die ersten Ansagen im Schreiben begannen, machte sie wohl mehr Fehler als Yoli das getan hatte. Mal waren es 6, mal 8 oder 9, aber hatten nicht fast alle Kinder mit der Rechtschreibung zu kämpfen ? Als uns die Lehrerin auf einem Merkblatt mitteilte, daß diese wöchentlichen Ansagen zwar nicht zensuriert würden, daß aber nur 0 Fehler einem sehr gut entsprächen, 1-2 Fehler einem gut und so weiter, ab 7 Fehler aber es ein Nicht genügend gäbe, da erschraken wir zutiefst.

Tina entsprach ganz offensichtlich nicht dem Klassenziel. nun begann ich auch gewisse Regelmäßigkeiten in ihren Fehlern zu beobachten, immer wieder schrieb sie b statt d, dei statt die, wenn es ganz schlimm war, bei statt die. Sie konnte d nicht von t unterscheiden, b nicht von p, verwendete g statt k und verwechselte v mit f. Sie schrieb vür und for, ein Fehler, der sich übrigens als der hannäckigste erwies und der ihr heute noch zu schaffen macht. Sie hatte Schwierigkeiten mit Verdopplungen, wie kommen und Zimmer, mit Dehnungen, wie sehen und Gefahr.

Erschreckt lief ich zur Lehrerin, die mir mit freundlicher Leichenbittermiene mitteilte, daß auch sie bereits gemerkt hätte, daß Tina eine handfeste Legasthenie habe und ich nur ja fleißig mit ihr üben solle, sonst sei ihr Aufstieg in die nächste Klasse gefährdet. Da war es nun, das Schreckenswon Legasthenie. Tina, meine kleine sanfte Prinzessin, wie sollte ich Dir erklären, daß Du einen ,,Klumpfuß" hättest und daß Du viel mehr üben müßtest als alle anderen Kinder, um tanzen zu lernen. Wie einem 6-jährigen Kind das beibringen ! Wie tat mir das Herz weh, wenn wir noch immer über ihren Heften saßen, während die Mitglieder der ,,Bande", die

längst mit ihren Schulaufgaben fertig waren, alle 10 Minuten an der Tür klingelten und fragten, wann denn Tina endlich spielen käme?

Da saßen wir nun und arbeiteten verzweifelt. Jede Schulübung und Hausübung mußte sie mehrmals schreiben, aber immer wieder baute sie neue Varianten von Fehlern ein. Kommmen- ! unsicher sah sie mich an -mit stummen h? fragte sie. Sie hörte es einfach nicht. Tina schau mir genau auf die Lippen: PPParKKKbbanKK! Sie nahm den Bleistift und schieb Bargpang! Längere Worte, wie Kinderzimmer, Bäckermeister oder gar Rauchfangkehrer waren völlig unüberwindliche Hindernisse für sie.

Wir schrieben, schrieben und schrieben - es wurde nicht besser. Irgendwann stieg dann eine ohnmächtige Wut in mir hoch, womit hatte gerade ich es verdient, ein so dummes Kind zu haben, das nicht imstande war, sich zu konzentrieren oder es ganz offensichtlich nicht wollte, und zornig rutschte mir die Hand aus und ich gab Tina eins hinter die Ohren. Sie begann dann bitterlich zu weinen und nun war alles verloren, die Buchstaben vollführten einen wahren Teufelstanz. Erschöpft und niedergeschlagen gaben wir unseren Kampf auf. Ich war zutiefst beschymt, weil ich Tina geschlagen hatte. So ging es Tag um Tag. Stunden vorher hatte ich schon feuchte Hände vor Nervosität und auch Tina wurde immer mutloser. Jeden Freitag gab es Ansage, am Samstag wurden sie verbessert zurückgegeben, so war jedes Wochenende verdorben. Ulrich beschwor mich, meine Enttäuschung nicht zu zeigen, um es Tina leichter zu machen. Aber nur wir beide wußten, wieviel vergebliche Arbeit wir geleistet hatten, wie sollten wir da nicht traurig und niedrgeschlagen sein?

Nun begann Tina alles, was mit der Schule zusammenhing, zu vergessen. An einem Tag vergaß sie ihr Schulheft zu Hause, am anderen ihr Hausheft in der Schule, das nächste Mal das Tumzeug, die Malsachen, das Lesebuch. Es schien, als würde sie alles verdrängen, was mit der Schule zusammenhing. Jetzt gab es Strafen. Seitenweise und seitenweise mußte sie Strafen schreiben. Dann vergaß sie die Strafen und es gab noch mehr davon. Sie wurde immer konfuser und zerstreuter. Eines Nachts wachte sie tränenüberströmt auf und jammerte: ,,Ich hab vergessen, was ich vergessen hab~". Damals find ich an, die Strafaufgaben für meine Kinder zu schreiben. War doch die Arbeitszeit zu kostbar, um sie mit sinnlosem Abschreiben zu vergeuden. Heute habe ich bereits eine wahre Perfektion darin und kann die Schrift aller meiner Kinder genauestens nachmachen.

Wer hat mien Fschngskrpfn gsn ?
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