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| "Vollständige
Erstveröffentlichung einer wahren Familiengeschichte. Nehmen Sie sich doch
die Zeit diese aufregende Geschichte zu lesen, vielleicht hilft Sie Ihnen
ihr eigenes Leben besser zu verstehen."
Mario
Engel
Jolanda
Poppovic Legastheniker - heissen so die dummen Kinder reicher Eltern ? Wer
hat mien Fschngskrpfn gsn ? Mein lieber vatter ich wels gewis vieh Die Bekränzung des Burgenlandes oder das Wunder des Gymnasiums Ingemar Stenmark ist der Größte - Tinas Rückfall
Die Trotzanfälle wurden immer seltener. Tina begann wie besessen zu arbeiten. Zweimal in der Woche ging sie zur Nachhilfestunde. Dort schrieb sie jedesmal einen Aufsatz, ein Diktat, machte Wortübungen. Jeden Fehler verbesserte sie gewissenhaft dreimal. Es gibt ganz vortreffliche Übungsheftchen für legasthenische Gymnasiasten. Über diese saß sie nun jeden Tag gebeugt und sortierte in langen Kolonnen die G's von den K's -die Angel - der Anker, der Stengel - der Schenkel, die F's von demn V's -die Ferien - das Verlies, am Anfang, in der Mitte und am Ende der Wörter. Sie übte seitenweise das Einsetzen von Groß- und Kleinbuchstaben, die Umlaute in der Mehrzahl Bank-Bänke, Zaun-Zäune, die Dehnungen mit ie und mit stummen h, die Schäfungen mit ck und tz. Es gab Übungen für die Problematik das-daß und für den-dem. Tina ging ganz systematisch vor und ihre Fehler wurden immer weniger. In den Winterferien saß sie, während wir anderen am Abend Karten spielten, lasen oder Puzzles lösten, über ihrem Heft und arbeitete. Yoli strich spontan alle Englischstunden, da es ja dort keine Probleme gab und ersetzte sie ebenfalls durch Deutschübungen. Sie machte vor allem Ausdrucksübungen mit Tina, so wurde auch ihr Stil immer besser und klarer. Wir sahen nun der nächsten Deutscharbeit gelassen ins Auge. Tina fühlte sich sicher und war nicht mehr nervös. Jetzt mußte es klappen! Die letzte Nacht vor der Schularbeit schlief sie ruhig und fest. Am Morgen war sie gut gelaunt und fühlte nur ein ganz leichtes Flattern der Aufregung in der Magengegend. Sie wählte das Thema ,,Ein Streit in der Schultasche". Als sie aus der Schule kam, erzählte sie uns, daß sie den Herrn Geschichtsbuch und seine Frau das Geschichtsheft mit Herrn Füllfeder und Frau Bleistift hatte in Streit geraten lassen, besonders die beiden Frauen hätten arg gezankt, der Linienspiegel, auch Faulenzer genant, hätte sich über die Ruhestörung beklagt und die ganz Geschichte wüßte sie, weil sie das Federpenal am Morgen erzählt hätte. Das schien wirklich nett und lustig beschrieben und wir warteten aufgeregt auf die Rückgabe der Hefte. Endlich war es so weit. Ich stand am Fenster und wartete gespannt auf Tina. Sie kam, das kleine blasse Gesicht zu Boden gewandt mit hängenden Schultern und schleppenden Schritten den Weg zur Haustür herauf. Wortlos reichte sie mir ihr Heft. Der Aufsatz war reizend und stilistisch einwandfrei; es waren keine Fehler in der Zeitenfolge, der direkten und indirekten Rede, auch die Kommas saßen dort, wo sie hingehörten. Trotzdem sah das Heft aus wie ein blutiges Schlachtfeld. es waren alle IHRE Fehler wieder da, die wir schon seit den ersten Schuljahren und auch mit Erfolg bekämpft hatten. Da stand vür statt für, fiel gellt statt viel Geld, was groß gehörte war kleingeschrieben und umgekehrt, da erzelte der Bleistift in der demerung und erklerte. Wie gräßlich hatte sich die Hexe Ene-Bene-Mene, die wir längst bezwungen glaubten, an uns gerächt. Nicht einmal eine Heilige hätte diese Schularbeit positiv beurteilen können. Wohl weiß ich, daß es vorkommen kann, daß Legastheniker unter Stress einen totalen Blackout haben, aber als ich nun all das vor mir sah, all die vergebliche Arbeit und Mühe, das unentrinnbare Schicksal der verpatzten Nachprüfung, das sinnlose Wiederholen der Klasse - vergaß ich zum erstenmal meine guten Vorsätze, die Ratschläge von Pädagogen und Psychologen, den Kindern Enttäuschung und Schmerz nicht zu zeigen - ich legte meinen Kopf auf das Heft und weinte und weinte. Meine Familie stand hilflos herum und versuchte vergeblich mich zu trösten. Der Krisenstab des Familienrates trat sofort zusammen und man beschloß, daß unter diesen Umständen es wohl besser sei, Yoli würde statt mir zu Tinas Professorin gehen, um mit ihr zu sprechen. Das tat sie nun auch. Die beiden sprachen lange miteinander. Dr. Kriegel zeigte sich verständnisvoll, sie habe ja auch das psychologische Gutachten über Tina und wüßte um ihre Nöte. Sie versprach ganz besonders auf Tinas Mitarbeit zu achten. Es war nur eine schwache Hoffnung, aber wir klammerten uns daran. Jede Hausaufgabe wurde mit besonderer Sorgfalt gemacht. Ich gesteh's manch eine Zeile wurde von mir geschrieben, um alles wirklich perfekt abzuliefern. Tina arbeitete fleißig in der Schule mit und zeigte immer auf wenn sie hoffen konnte, eine richtige Antwort zu wissen. dann gab's die ,,Bürgschaft" von Schiller auswendig zu lernen, eines jener drei Gedichte, das neben der ,,Glocke" und dem ,,Ring des Polykrates" jedem Gymnasiasten in schrecklicher Erinnerung bleibt. Aber Yoli erkannte sofort die Chance: "Dieses Gedicht wirst Du so lernen, daß alle nur staunen werden!". Tina stürzte sich in die Arbeit. Zuerst lernte sie Strophe um Strophe auswendig bis sie alle herunterleiern konnte. Wir, selbst ihr kleiner Bruder schon mit ihr. Yoli erklärte ihr den geschichtlichen Hintergrund. Dann strich Tina alle poetischen Wörter heraus und wir besprachen den Sinn. Anschließend wurde der Rythmus und der Klang der Verse zerlegt. Nun war Tina nicht mehr zu halten, wo sie ging und stand memorierte sie gerade eine Strophe und bastelte an ihr herum. Aus der Badewanne hörte ich sie probieren: ,, und die TREUE sie ist doch kein leerer Wahn - und die Treue sie ist DOCH kein. und die Treue sie ist doch KEIN leerer Wahn - und die Treue sie ist doch kein LEERER WAHN !,, Am schlimmten war es bei Familienausflügen im Auto. Da hatte sie alle beisammen, keiner konnte entfliehen. Es wurden wahre Volksabstimmungen abgehalten, wie diese oder jene Zeile anzulegen sei. Aber als der Tag herannahte, an dem das Gedicht aufgesagt werden sollte, da konnte es Tina burgtheaterreifl Sie wurde aufgerufen und begann: Schon in der ersten Zeile betonte sie das Wort ,,Tyrann" mit solcher Verachtung, daß alle Mädchen den Meuchelmörder als trotzigen Helden sahen. Sie folgten, als er sich stumm von seinem Freund und Bürgen verabschiedete und erlebten mit ihm seine Abenteuer. Sie hörten das Toben der gewaltigen Wasser, sie zuckten zusammen als die Brücke berstend brach, und zitterten mit Damon als er das brausende Wasser durchschwamm. Wie muß einem Mann zumute sein, der sein Leben wütend gegen die Mörder verteidigt, weil er es einem anderen Mörder versprochen hatte ? Nun kam meine Lieblingsstrophe, als der Verschmachtende die rettende Quelle entdeckt. Müde und schleppend kamen die Worte aus Tinas Mund als sie von dem erschöpften Wanderer sprach und ganz leicht, quicklebendig rieselnd als sie das Bächlein beschrieb, das ihn rettete. Aber weiter, weiter, er hört zwei Wanderer von der Hinrichtung sprechen. Er beginnt aus Angst zu hasten, zu laufen. Die Mädchen erzittern - sie, die alle das Gedicht auswendig können, bangen - wenn er nun aber doch zu spät käme, den Freund zu retten ? Sein Diener stellt sich ihm in den Weg, will ihn aufhalten, es sei zu spät - er eilt weiter - die Worte werden schneller, dringlicher - die Kameradinnen spürten es, hier kämpfte nicht nur ein Mann um das Leben, hier kämpfte eine von ihnen um das Überleben in ihrer Klasse -. Er sieht die Türme der Stadt und läuft weiter, weiter und endlich, endlich erreicht er die Richtstätte und umarmt den Freund im letzten Augenblick. ,,Da blieb kein Auge tränenleer" - man hörte in der Klasse verstohlenes Schnupfen, manch ein Taschentuch wurde gezückt - dann war Tina am glücklichen Ende. Alle, alle waren einig, auch die Lehrerin schloß sich an, so hatte keine von ihnen das Gedicht aufgesagt und so würde es auch keine mehr können. Ich sah sie vom Gartentor kommen mit wehenden Haaren, sie flog mehr als sie lief, dann stürmte sie in meine Arme und lachte und jubelte ,,Mami, Mami ich bin in Deutsch durchgekommen, ich bekomme kein Nichtgenügend, Mami, ach Mami!" Was waren dagegen das strahlende Sehr gut in Mathematik, die guten Noten in den anderen Gegenständen ? Was tat's , daß man hier mehr Gnade als Recht walten ließ ? Wen störte es schon, daß sie in die heiligen Hallen der Weisheit durch die Hintertür geschlüpft war? Uns bestimmt nicht. |