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Legastheniker - heissen so die dummen Kinder reicher Eltern ?

 

Das erste Mal hörte ich den Ausdruck auf einer Cocktailparty. Hinter mir standen zwei elegante Damen und sprachen über ihre legasthenischen Kinder und die Schwierigkeiten, die sie in der Schule hätten. Ei, dachte ich, wie gut das klingt, heute muß man nicht mehr sagen, mein Sohn ist nicht sehr gescheit, bei meiner Tochter reicht's nicht für's Gymnasium! Jetzt gibt's dafür schicke Fremdwörter, da wirkt alles halb so schlimm.

Wieder zu Hause, las ich im Lexikon nach: Legasthenie: Lese- und Rechtschreibschwäche. Damit vergaß ich es wieder.

Als Yoli, unsere Älteste in die Schule kam, hörte ich das Wort Legasthenie wieder. Yoli war ein ernstes, etwas in sich gekehrtes und sehr strebsames Kind. Sie war Linkshänderin. Von kleinauf, schon als Baby, wenn man ihr die Klapper in die rechte Hand drückte, wechselte sie sie sofort in die linke, um dann fröhlich damit herumzufuchteln. Wir versuchten, ihr das Löffelchen in die rechte Hand zu geben, und obwohl sie ein Kind von großem Appetit war, wäre sie lieber verhungert als mit der Rechten ihr Breichen zu löffeln.

,,Oh-weh", sagte die Direktoren bei Yolis Einschulung, ,,eine Linkshänderin, sie wird doch nicht legasthenisch sein!" Wo war da ein Zusammenhang? Waren Linkshänder dumm? Ich war verwirrt. Aber nichts geschah. Yoli schrieb links, lernte von Anfang an mit Feuereifer und sehr großem Erfolg. Einmal allerdings, nach ein paar Wochen Schule, kam sie verstört und blaß nach Hause. Am nächsten Tag war ihr übel, sie wollte nicht in die Schule gehen. Das wiederholte sich mehrmals. Als ich bei ihrer Lehrerin nachfragte, meinte diese etwas verlegen, sie hätte versucht, Yoli zu zwingen, rechts zu schreiben, da es Rechtshänder im Leben so viel leichter hätten.

Ich war ehrlich empört, denn es ist doch seit Jahrzehnten bekannt, daß Kinder mit Linksanlage schwere Schäden bekommen können, wenn man sie zwingt, rechts zu schreiben und zu arbeiten. Aber hatte die Lehrerin nicht eigentlich recht ? Wir werden regiert von einer Mafia von Rechtshändern, die sich eine Welt nach ihrem Bilde geschaffen hat. Wenn man einmal versucht, eine Kurbel, eine Brotschneidemaschine, ein Telefon oder auch nur eine Schere mit der linken Hand zu bedienen, wird man verstehen, was ich meine. Mein Mann Ulrich meint, ich kämpfe so streitbar für die Linkshänder, daß ich gerade dabei sei, eine Teetasse mit Henkel links zu erfinden. Das ist jedoch einer seiner üblen Scherze, auf die ich hier nicht näher eingehen will.

Hatte die Lehrerin nicht recht, wenn sie versuchte, bei Kindern, deren Linksdominanz nicht gar so stark ausgeprägt war, diese auf rechts umzuschulen? Nun, wir kamen überein, dass dies bei Yoli leider nicht möglich sei und von da an gab's keine Schwierigkeiten mehr. Yoli durchlief ihre Schulzeit wie ein strahlender Komet und war immer Klassenbeste. Das freute uns natürlich sehr. Da wir uns aber selbst für intelligente Leute hielten, fanden wir es eigentlich selbstverständlich, dass unsere Kinder in der Schule keine Probleme hatten.

Tina, unsere nächste Tochter, das mittlere von drei Kindern, war ein fröhliches, ausgeglichenes Kind. Sie war keine Führernatur, aber sie war unter den Kindern unserer Reihenhaussiedlung in Nußdorf am Stadtrand Wiens immer ein gern gesehenes Mitglied der ,,Bande". Sie ging mit Hingabe in den Kindergarten am Heiligenstädter Pfarrplatz im alten Pfarrhof, direkt neben dem berühmten Beethovenhaus, in dem jetzt ein bekanntes Heurigenlokal seine Gäste anlockt. Abends herrscht dort ein reges Treiben, man hört lautes Lachen und Fetzen von Wienermusik und das Knallen von Autotüren. Tagsüber aber sieht es dort noch aus wie in der Biedermeierzeit, die Altwiener Häuser hocken verschlafen um den stillen Platz und sehen aus wie stehengelassene Kulissen aus einem Beethovenfilm. Der barocke Heilige in der Mitte döst im Schatten der Nußbäume und holt seine gestörte Nachtruhe nach.

Nur ganz selten verirrt sich auch tagsüber ein Autobus mit besonders bildungshungrigen japanischen Touristen hierher, die dann voll Ehrfurcht die Szenerie mit unzähligen Film- und Fotoapparaten verewigen und auf so manchem Bild, das in Tokio oder Nagasaki gezeigt wird, stehen unsere blonden Kinder im Vordergrund und winken dem unbekannten Beschauer begeistert zu.

Der Kindergarten in dieser heilen Welt wurde mit sanfter Hand von einer Nonne regiert, von den Kindern liebevoll ,,Tante Schwester" genannt. Hier wurde gespielt, gebastelt, gesungen und erzählt. Das Schönste aber war der alte halbverwilderte Pfarrgarten mit den Spiel- und Klettergeräten.

An warmen Tagen saß dann Tante Schwester freundlich lächelnd in einer Ecke und sah zu, wie sich die wilde Kinderschar in atemberaubender Höhe kletternd und turnend vergnügte. Ich bin ganz sicher, sie hatte eine Einheit von spezialausgebildeten Schutzengeln an der Hand, die dafür sorgte, daß alle Kleinen zu Mittag heil und wohlbehalten ihren Eltern übergeben wurden.

Im letzten Jahr des Kindergartens wurde auf Übungsblättern zur Vorbereitung für die Schule gearbeitet. Da waren zum Beispiel auf einer Seite in Kästchen lauter Blumen abgebildet, in einem Feld aber ein Schuh. Die Kinder mußten nun anzeichnen, welches Ding nicht dazupaßte. Oder es waren Kleidungsstücke dargestellt, dazwischen aber ein Stuhl oder ein Tisch. Es schien geradezu lächerlich selbstverständlich, daß Tina hier nie einen Fehler machte.

Es gab aber auch Übungsblätter, auf denen sich nur kleine Dreiecke oder Quadrate befanden, bei denen manchmal die linke und manchmal die rechte Seite fehlte. Diese mußten nun in verschiedenen Farben, die rechten rot, die linken blau, angemalt werden. Da kam es doch recht häufig vor, dass Tina sich irrte. Ich fand aber, dass ich auch für derlei nicht viel Geduld gehabt hätte, und maß dem Ganzen nicht viel Bedeutung bei. Und so übersahen wir die Zeichen.

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